Conny's Paddel - Solo 2000

11. Tag   

zurück vorwärts

11. Tag:   29.07.2000

Utrecht - Mijnden                                  27 km

 

In der Nacht habe ich kaum geschlafen, da gegen das Grölen betrunkener Jugendlicher in den Nachbarzelten auch kein Oropax half. Aus Rache klappere ich beim Packen um 7.30 Uhr extra laut, was auch die gewünschte Wirkung zeigt. Ätsch!

 

Zu meinem Schrecken hat der Camping-Shop aus unerfindlichen Gründen geschlossen. Wahrscheinlich öffnet er erst um 9.00 Uhr, aber da bin ich schon weg. Mangels Brot fällt das Frühstück aus. Ich will dann bei nächster Gelegenheit in einem Cafe frühstücken.

 

Den umständlichen Rückweg zum „Kromme Rijn“ schaffe ich in einer knappen Stunde. Ich muss ja jetzt nicht mehr suchen und gehe an manchen Stellen gar nicht mehr auf´s Wasser, sondern laufe nebenher bis zur nächsten Umtragestelle.

 

Ich fahre den Kromme Rijn zu Ende und biege in die „Oude Gracht“ ein, die durch das Stadtzentrum von Utrecht führt. Hier war ich am Vortag zu Fuß unterwegs.

Der Flussführer schwärmt in höchsten Tönen von den Grachten der Innenstadt. Wer aber wie ich die Amsterdamer Grachten kennt, kann die Begeisterung nicht ganz nachvollziehen. Mir fällt allerdings erstmals auf, dass sich unter den Straßen, die direkt an den Grachten verlaufen, Lagerräume befinden.

 

Das geplante Frühstück fällt leider aus. Zumindest vom Wasser aus kann ich kein Restaurant entdecken, das schon geöffnet hätte. Und hier in der Innenstadt will ich mich lieber nicht von meinem Boot entfernen.

 

Am Ende der Innenstadt gelange ich zur „Weerdse Sluis“. Diese Schleuse wird komplett von Hand bedient - ein eindrucksvoller Anblick. Da sonst noch keiner unterwegs ist, werde ich alleine geschleust.  Allerdings muss ich zum ersten Mal dafür bezahlen.

 

Bild 29 1

 

Karte 3

 

 

Hinter der Schleuse beginnt die Vecht, die sich noch eine ganze Weile durch die Vororte von Utrecht schlängelt. Hier erwischt mich auch der erste Regenschauer. Als ich mich umblicke, sehe ich hinter mir über der Innenstadt eine schwarze Wolkenwand stehen. Das verspricht nichts Gutes.

Den ganzen Tag verfolgt mich diese Gewitterfront mit Donnergrollen und Blitzen, die mich allerdings nie erreicht. Später höre ich, dass Utrecht und andere Landesteile an diesem Morgen durch Gewitterregen regelrecht überflutet wurden. Wäre ich eine Stunde später gestartet, hätte es mich voll erwischt.

Es ist das Wochenende, an dem auch zu Hause in Hockenheim mehrere Formel-1-Gäste von Blitzschlägen verletzt wurden.

 

Die Vecht ist ein Fluss mit stehendem Wasser, der sich kurvenreich durch eine schöne Landschaft windet. Hier sind auch wieder viele Yachten unterwegs.

Die Gärten am Ufer sind mit farbenfroher Blütenpracht reichlich geschmückt. Die Häuser - auch die größeren Landsitze - sind von der typisch holländischen, zierlichen Architektur. Ein wahrer Augenschmaus - Urlaub für die Seele.

 

In Maarssen entdecke ich ein Restaurant am Ufer. Wegen einer hohen Kaimauer paddele ich einige hundert Meter zurück und steige aus - wieder einmal voll in die Brennnesseln. Aber dagegen bin ich offenbar inzwischen immun - und außerdem will ich endlich mein „Frühstück“.

Am Restaurant angekommen, finde ich es geschlossen. Um den Hunger vergessen zu machen, gibt´s einen kleinen Wolkenbruch, den ich unter einem Baum abwarte. Dann geht´s also durch die Nesseln hungrig zurück ins Boot - und weitergepaddelt.

 

Bild 30 1

Bild 31 1

Die „Oude Gracht“ in Utrecht

 

Bild 32 1

Der Utrechter Dom vom Wasser aus

 

Bild 33 1

In der „Weerdse Sluis“

 

Bild 34 1

Bild 35 1

Auf der Vecht

 

Bild 36 1

Maarssen an der Vecht

 

Bild 37 1

Die Vecht im Regen

 

Karte 4

 

 

Die nächste Überraschung folgt auf dem Fuße:

Die „Kraaienestersluis“ (Krähennest-Schleuse) ist, wie ein daran hängendes Schild informiert, „zeitweise außer Betrieb“. Hier wollte ich eigentlich abbiegen, um auf die „Loosdrechtse Plassen“ zu gelangen. Also fahre ich einige Kilometer weiter und benutze eine Selbstbedienungs-Schleuse hinter Breukelen. Nach etwa zwei Kilometer auf einem Natur-Kanal erreiche ich die „Loosdrechtse Plassen“, eine Seen-Platte, die in Holland als Segel-Dorado gilt. Der Name ist übrigens ganz lustig, denn er heißt übersetzt „Loosdrechter Pfützen“. Wenn man in Holland pinkeln muss, dann macht man ein „plasje“, ein Pfützchen. Daher kommt der Name dieser Wasserflächen.

 

Nach kurzer Orientierung peile ich den entferntesten Winkel an; dort sollen laut Wasserkarte im Ort Oud-Loosdrecht zwei Campingplätze sein.

Die Fahrt über den großen, offenen See mit starker Wellenbildung ist recht anstrengend. Das Gewitter ist mir noch immer auf den Fersen, und wenn es mich einholt, möchte ich lieber nicht auf dem See sein. Zudem wollen mich dauernd einige der hier in Massen auftretenden Segelboote überfahren. Die gucken immer ganz verwundert, wenn sie mich dann mitten im See doch noch bemerken. Ich gebe zu, dies ist kein typisches Kanu-Revier.

 

Karte 5

 

Endlich auf der anderen Seite angekommen, fahre ich das ganze Ufer ab. Doch so viele Segler ich auch frage: hier scheint es keinen Campingplatz zu geben. Das scheint zur Gewohnheit zu werden. Etwa an dieser Stelle überkommt mich das Gefühl, dass ich für die nächste Zeit genug gepaddelt habe.

 

Doch es hilft nichts, ich muss weiter - irgendwo muss ich ja mein Zelt aufbauen. Also nehme ich ein Stück der nächsten Tagesetappe vorweg und fahre noch bis nach Mijnden. Im Kanal benutze ich ein vorbeifahrendes Motorboot als „Tempomacher“, um nicht vor Unlust immer langsamer zu werden. Die Richtungsänderung bewirkt immerhin, dass ich dem Gewitter wieder einmal davonfahre.

Fast zwei Kilometer kann ich das Tempo halten. Dann erreiche ich einen größeren Yachthafen, dem auch der Campingplatz angeschlossen ist. Es dauert fast eine Stunde, bis ich meinen Platz angewiesen bekomme. Vom Platzwart erfahre ich, dass Oud-Loosdrecht gerade von einem heftigen Gewitterregen überflutet worden ist. Vielleicht war es doch eine glückliche Fügung, dass ich dort nicht landen konnte. Hier erlebe ich einen sonnigen und trockenen Abend, obwohl ich nur 5 Kilometer entfernt bin. Wie immer fühle ich mich nach Zeltbau und Dusche wieder wohler. Gegen 18.00 Uhr sitze ich in dem für die Yacht-Reisenden gedachten erstklassigen Restaurant und hole mit einem reichhaltigen und teuren Mahl mein verpasstes Frühstück nach.

 

Am nächsten Tag besuche ich meine 89-jährige Tante in einem der Nachbardörfer und verbringe den Sonntag mit ihr. Gemeinsam erinnern wir uns an meine Jugend, die ich zu großen Teilen in ihrem Hause verbrachte.

 

Bild 38 1

Oud-Loosdrecht: Auf der Suche nach dem Campingplatz am Rande des Sees

 

Bild 39 1

Auf den „Loosdrechtse Plassen“

 

zurück vorwärts