Conny's Paddel
- Solo 2000
10.
Tag
| zurück
|
|
10. Tag: 27.07.2000
Eck en Wiel - Utrecht
42 km
Dies ist seit langem der erste Tag, der mich mit herrlichem Sonnenschein begrüßt. Ich genieße ihn bei einem ausgiebigen und geruhsamen Frühstück mit Blick auf das Wasser - um mich herum schläft noch alles. Nachdem mein Zelt ordentlich durchgetrocknet ist, belade ich mein Boot und lasse es um 9.30 Uhr zu Wasser.
Schon 3 Kilometer nach dem Start erreiche ich die zweite Schleuse auf diesem Fluss. Nach den Erfahrungen des Vortages versuche ich mich lieber nicht beim Umtragen. Ich habe Glück und kann nach 20 Minuten Wartezeit mit einigen Yachten einfahren. Zu meiner Überraschung überwindet die Schleuse hier einen Höhenunterschied von 3,5 bis 4 Metern.
Da das Wetter hervorragend ist und ich auf stehendem Wasser unterwegs bin, spiele ich mit dem Gedanken, offen zu fahren. Bei der Ausfahrt aus der Schleuse erweist es sich jedoch als klug, das nicht getan zu haben: Aufgrund der schweren Beladung liegt mein Boot sehr tief im Wasser. Eine ganz unscheinbare, langsame Welle einer überholenden Yacht überspült mein Boot von hinten nach vorne und steigt mir bis über den Bauchnabel. Ohne Spritzdecke wäre ich hier richtig schön vollgelaufen.
5 Kilometer hinter der Schleuse zweigt laut Wasserkarte im Ort Wijk bij Duurstede der Kromme Rijn vom Lek ab. Wie erwartet gibt es hier keine Schleuse. Nach einigem Suchen finde ich hinter dem Deich das Gewässer und suche mir eine geschickte Stelle zum Umtragen.
Karte 2
Bild 20 1
In der Schleuse vor Wijk bij Duurstede
Bild 21 1
Der Kromme Rijn in Wijk bij Duurstede
Bild 22 1
Auf dem Krommen Rijn
Bild 23 1
Auf dem Krommen Rijn
Neben einigen am Ufer vertäuten Hausbooten ziehe ich mein Boot eine Böschung hinauf und verfrachte es auf den Bootswagen (Gott sei Dank erfüllt der wieder seine Aufgabe!!). Durch eine Wiese gelange ich auf einen Trampelpfad, schlängele mich an einigen glücklicherweise angepflockten Kampf-Ziegen vorbei und erklimme den Deich. Auf der anderen Seite geht es ein kleines Stückchen durch ein Wohngebiet zur Einsatzstelle.
Der ANWB - das Gegenstück zum deutschen ADAC - hat den Krommen Rijn für Paddler hergerichtet, dass heißt: es wurden Ein- und Ausstiegsstellen angelegt und eine sparsame Beschilderung eingerichtet. An diesem Wochentag begegnet mir jedoch kein einziger Wassersportler.
Also paddele ich mutterseelen-allein die 28 Kilometer auf dem naturbelassenen Fluss (natürlich ohne Strömung). Die Landschaft ist teilweise atemberaubend schön: mal blühen Blumen und Stauden in unbeschreiblicher Fülle und Farbkraft an den Ufer, dann wieder geht es durch weite Wiesen oder kleine Wälder. Ab und zu grüßt ein einsamer Angler oder ein am Ufer vorbeikommender Radfahrer. Zweimal muß ich an diesem Tag an kleinen Wehren umtragen.
Heute freue ich mich auf eine geruhsame Mittagspause in einem schönen Cafe am Ufer. Doch leider bietet sich erst kurz vor Utrecht eine solche Gelegenheit. Einer Ahnung folgend fahre ich doch lieber daran vorbei.
Kurze Zeit später zerteilt sich der Flusslauf in lauter unterschiedliche Arme. Hier muss ich einmal vom Weg abgekommen sein: Auf das Hinweisschild Utrecht 5 km folgt anderthalb Stunden später die Auskunft Utrecht 4 km. Da die Strecke wunderschön ist, stört mich das aber nicht weiter.
Ausweislich meiner Wasserkarte muss ich in Utrecht nach Unterqueren der Autobahnbrücke gleich rechts abbiegen, um zum einzigen Campingplatz der Stadt zu gelangen. Es ist 16.30 Uhr, als ich an diese Stelle gelange, und genau hier setzt ein ergiebiger Landregen ein, der bis zum nächsten Morgen keine Minute mehr aufhören sollte.
Den Abzweig finde ich an der bezeichneten Stelle, allerdings ist nach wenigen hundert Metern Schluss: ich stehe vor einer Straßenbrücke mit ca. 20 cm Durchfahrtshöhe, unter der ich nicht durchpasse. Laut Karte folgt dahinter eine weitere Brücke, und dahinter der Campingplatz. Wie ich feststellen muss, ist die Wasserkarte hier sehr grob vereinfachend!
Ich lasse mein Boot am Ufer liegen und frage Passanten nach dem Campingplatz. Viele wissen zwar von einem Campingplatz, aber jeder schickt mich in eine andere Richtung. Nach einem Fußmarsch von etwa zwei Kilometern durch die Vororte der Großstadt bin ich meinem Ziel immer noch nicht näher gekommen.
Ich kehre zum Boot zurück und erhalte schließlich vom Inhaber eines Bootsverleihes eine Beschreibung, wie ich auf dem Wasserweg den Campingplatz erreichen kann. Auf einer Skizze zeichnet er mir den Weg auf. Das kommt mir zwar ziemlich spanisch vor, aber mangels Alternative ist das meine einzige Chance.
Denn der nächste Campingplatz ist mein nächstes Tagesziel, und bis dahin schaffe ich es heute nicht mehr.
Zunächst schaffe ich mein Boot über eine zweispurige Straße auf die andere Seite der Brücke. Ich setze mehr schlecht als recht an einer mit Brennnesseln bewachsenen steilen Böschung in einen Kanal ein, der hier in Holland als Sloot bezeichnet wird. Etwa 500 Meter drücke ich mich durch Seerosen und Schlingpflanzen, bis ich an die nächste Brücke gelange. Unter dieser kann ich laut Bootsverleiher garantiert durchpaddeln. Das mag mit den Verleihbooten gehen, in denen man sich flach hinlegen und sich mit den Händen unter der Brücke durchstoßen kann. Ich muss wieder umtragen.
Bevor ich wieder einsetze, schaue ich mir zu Fuß den nächsten Tunnel an, der natürlich auch wieder zu niedrig ist. Also schaffe ich mein Boot gleich auf dem Landweg an diesen zwei Hindernissen vorbei. Hier und auch später noch ernte ich entgeisterte Blicke von vorbeikommenden Autofahrern. Der lange, völlig durchnässte Kerl in kurzen Hosen mit einem 5,20 Meter langen Boot auf zwei Rädern muss auf den Straßen der Großstadt auch irgendwie deplaziert gewirkt haben!
Ich paddele wieder eine Sloot entlang und gelange in einen kleinen See, an dessen Ufer Wohnhäuser stehen. Der Beschreibung folgend durchquere ich den See und gelange am Ende in ein Rinnsal, das völlig zugewuchert ist. Baumstämme liegen im Wasser, Äste und Büsche hängen von oben herab, die Zecken laben sich zu Hunderten an mir. Wo ich hier wohl lande ??
Bild 24 1
Ein Wasserschloss kurz vor Utrecht
Bild 25 1
Der Kromme Rijn vor Utrecht
Bild 26 1
Bild 27 1
Durch die Wildnis von Utrecht
Da mir der Bootsverleiher aber diese Strecke recht genau beschrieben hatte, kämpfe ich alle Zweifel nieder und folge dem etwa 2 Meter breiten Rinnsal.
Wenn mich im Regen vorbeieilende Fahrradfahrer in dem Graben bemerken, fallen die vor Überraschung fast aus dem Sattel. Das ist mir allerdings in meiner Situation herzlich egal. Ich sehe mich schon bei Einbruch der Dunkelheit immer noch in diesen Rinnsalen herumirren.
Schließlich zweigt rechts unter einer Brücke wieder ein Seitenkanal ab. Nochmal geht es durch wucherndes Gestrüpp; einmal muss ich mit Anlauf über einen im Wasser liegenden Baumstamm und gehe dabei fast baden. Am Ende dieses Kanals stoße ich wie vorausgesagt auf eine vierspurige Straße, auf deren anderer Seite der Campingplatz sein soll.
Wieder quäle ich mich durch die einheimische Brennnessel-Population aus dem Wasser. Zelte und Wohnwagen sind natürlich nicht zu sehen, und immer noch regnet es in Strömen.
Mama, ich will nach Hause !!!
Ich lasse mein Boot am Rande der Straße zurück und mache mich wieder zu Fuß auf die Suche. Wieder schickt mich jeder, den ich frage, in eine andere Richtung. Schließlich betrete ich ein vornehmes Lokal. Nachdem der schwarz-befrackte Oberkellner seinen Schrecken überwunden hat, klärt er mich auf:
Sein Lokal befindet sich an der einen Seite eines etwa 1 x 1 Kilometer großen Geländes. Der Campingplatz befindet sich genau an der gegenüberliegenden Seite.
Nach dem entsprechenden Fußmarsch finde ich schließlich den Platz und melde mich gleich an: 1 Person, 1 Zelt und 1 Kayak. Mit einem Blick auf meinen kleinen wasserdichten Geld- und Ausweisbeutel meint der Platzwort nur trocken: das sei ja ein ziemlich kleines Zelt und das Boot müsse wohl tragbar sein, da hier weit und breit kein Wasser sei. Meine Erklärung verfolgt er mit verwundertem Blick, gibt sich aber damit zufrieden.
Bild 28 1
Der Plan des Bootsverleihers
Nach Erledigung der Formalitäten laufe ich zurück zum Boot, das glücklicherweise noch keinen Liebhaber gefunden hat. Als ich wenig später an der Fußgänger-Ampel die 4-spurige Ausfallstraße überquere, kommt es fast zu Auffahr-Unfällen. Auch der Mann, der mir im Park begegnet, schaut ganz komisch. Wenn der mit seinem Hund im Regen spazieren geht, warum soll ich das nicht mit meinem Boot tun ?
Um 19.00 Uhr erreiche ich endlich den Platz, allein zwei Stunden habe ich vom Bootsverleih am Stadtrand bis hierher gebraucht. Naß und verschwitzt wie ich bin setze ich mich in die Snackbar und fresse mir meinen Frust vom Leib. Danach geht es mir wieder besser.
Da es immer noch regnet, baue ich in Rekordgeschwindigkeit mein Zelt auf. Die anschließende Dusche macht aus mir wieder einen Menschen.
Bewaffnet mit meinem Regenschirm mache ich mich noch am Abend auf den Weg, um einen besseren Weg zurück zum Wasser zu erkunden - vergebens. Angesichts dieser Situation werde ich darauf verzichten, die Stadt am nächsten Tag wie geplant mit dem Boot zu erkunden.
Am nächsten Morgen hat es aufgehört zu regnen. Nach einem ausgedehnten, köstlichen Frühstück mit Croissants aus dem Camping-Laden reinige ich mein Boot und hänge die nassen Sachen zum Trocknen auf. Mit dem Bus fahre ich ins Stadtzentrum. An den Straßen dieser Stadt gibt es übrigens Computer-Automaten, die einen Stadtplan inclusive der Route vom Standort zum gewünschten Ziel ausdrucken - eine gerade für Ortsfremde sehr sinnvolle und hilfreiche Einrichtung.
Ich verbringe den Tag in der Altstadt, dem Museums-Quartier. In einem Straßencafe lausche ich fast eine Stunde lang dem Glockenspiel des Domes, dass offenbar irgendein klassisches Musikstück zum Besten gibt. Der Tag vergeht mit manchem kopje koffie und einem guten Essen.
Wie schon so oft fällt mir auf, dass holländische Städte viel lebendiger, viel natürlicher und viel freundlicher wirken als deutsche. Ich genieße den Klang der Sprache und die unbefangene Freundlichkeit der Menschen. Hier lässt sich´s leben.
| zurück
|
|