Conny's Paddel
- Solo 2000
9.
Tag
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Um 13.00 Uhr fahre ich an Arnheim vorbei. Bereits hier - 10 Kilometer vor der ersten Schleuse - lässt die Strömung stark nach. Jetzt muss ich langsam anfangen, richtig zu arbeiten.
Schiffsverkehr begegnet mir hier
kaum noch: einige Yachten, ab und zu ein Passagierdampfer, sehr selten Frachter.
Auf dieser Strecke gibt es kaum Übernachtungs-Möglichkeiten.
Ein Campingplatz liegt vor der ersten Schleuse, etwa 10 Kilometer hinter Arnheim. Da will ich noch
nicht aussteigen. Der nächste ist allerdings dann gleich 30 Kilometer entfernt.
Die Schleuse Doowerth ist riesig - manchmal
kommen Hochsee-Schiffe bis hier herauf.
Als ich auf die geöffneten Schleusentore
zufahre, werden diese direkt vor meiner Nase geschlossen. Der Schleusenwärter-Turm ist sehr weit
entfernt, sodass man mich wohl weder von dort noch durch die installierten Kameras gesehen hat.
Bevor ich eine Stunde auf den nächsten
Schleusengang warte, beschließe ich, lieber umzutragen. Zum Aussteigen finde ich auch eine schöne
Stelle. Ich wuchte mein schweres Boot auf den mitgeführten Bootswagen und trete die etwa 1
Kilometer lange Wanderung zum anderen Ende der Schleuse an. Dort stelle ich leider fest, dass man
nicht an Paddler gedacht hat: ich stehe vor einer hohen Kaimauer, an der ich unmöglich einsteigen
kann. Also wieder ein Stück zurück; durch einen Stacheldrahtzaun gelange ich auf eine holprige
Wiese. Durch den unebenen Untergrund bricht mein Bootswagen zusammen; notdürftig biege ich ihn
wieder zurecht und kämpfe mich zum Wasser durch. Schweißüberströmt und zerstochen komme ich
schließlich ans Ziel. Hätte ich das geahnt, dann hätte ich wohl doch lieber gewartet - zumal von
Zeitersparnis jetzt auch keine Rede mehr sein konnte.
Irgendwie hatte ich bei der Tourenplanung
verdrängt, was Schleusen bedeuten: stehendes Wasser!
Bis hierher habe ich bereits 40 Kilometer
hinter mir. Vor mir liegen an diesem Tag noch 28 Kilometer absolut stehendes Wasser, die sich als
große Herausforderung erweisen sollten.
Der Fluss, der hier irgendwann den Namen Lek
trägt, mäandert zwischen den Deichen. Er ist sehr breit und setzt mich dem Wind aus. Ich paddele
wie eine Maschine. Den ganzen Tag verlasse ich nur zweimal das Boot: einmal zum Umtragen an der
Schleuse, später lege ich noch ein 5-minütiges Pinkelpäuschen ein. Ansonsten lege ich das Paddel
nur aus der Hand, um auf dem Wasser einen Schluck zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen.
Die Fahrt ist sehr anstrengend. Die schöne
Landschaft und die Einsamkeit lassen jedoch keinen Missmut aufkommen. Mein Körper funktioniert wie
ein Uhrwerk, die Übung der letzten Woche hat Muskeln und Hände geschmeidig gemacht. Es gibt für
mich keine schönere Art, mich fortzubewegen.
Ab und zu grüßt ein Angler mit einem
freundlichen Lächeln. Ich wundere mich, dass mir Schiffsverkehr nur in der Gegenrichtung begegnet,
ich aber nicht überholt werde. Warum fahren die alle nur in eine Richtung?
Erst am nächsten Tag finde ich die Erklärung:
Auf dem Fluss gilt eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 4,5 bis 6 km/h. Da ich selbst etwa mit
diesem Tempo unterwegs bin, kann mich natürlich niemand überholen.
Wieder bin ich froh, alleine unterwegs zu
sein. Ich muss lachen bei der Vorstellung, meine Vereinskameraden hier bei mir zu haben. Die meisten
würden mich wegen dieser Tagesstrecke lynchen!
Nach 10 Stunden erreiche ich meinen
Campingplatz 9 Kilometer hinter Rhenen. Ich werde freundlich aufgenommen und von den ausschließlich
holländischen Dauer-Campern neugierig beäugt. Wie fast überall gehen den Leuten die Augen über,
wenn sie beobachten, was ich alles aus meinem Boot hervorhole.
Die Anlage ist außerordentlich gepflegt und
sauber; sie liegt bei Eck en Wiel in einer wunderschönen Landschaft. Ich kann nachempfinden, dass
man hier gerne Urlaub macht.
Nachdem ich meinen Bootswagen notdürftig
repariert habe, baue ich mein Zelt direkt am Wasser auf und genieße die Dusche. Vor meinem Zelt
spricht mich eine sehr gepflegte, 80-jährige Dame an. Sie erzählt mir von ihrer Jugend, in der sie
auch Wanderfahrten mit dem Kanu gemacht hat. Sie interessiert sich für viele Details meiner Reise,
und wir unterhalten uns etwa eine halbe Stunde lang sehr angeregt.
Im Restaurant des Campingplatzes stille
ich meinen Hunger und setze mich anschließend auf zwei Bierchen zum Wirt an die Bar. Um halb zehn
krieche ich müde und zufrieden in meinen Schlafsack. Trotz - oder wegen ? - der Anstrengung war das
ein schöner Tag.
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