Conny's Paddel - Solo 2000

9. Tag   

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9. Tag:   26.07.2000

Emmerich - Eck en Wiel                           68 km

 

Am Mittwoch Morgen bringt mich mein Vater zum Emmericher Bootshaus. Meine Wäsche habe ich gewaschen, das Gepäck wieder verstaut; später stelle ich fest, dass ich meine Kamera irgendwo vergraben habe, also gibt´s vom heutigen Tag keine Fotos.

Die zwei Tage „an Land“ waren sehr anstrengend: ständig Essen, ständig unter Leuten, reden bis die Lippen in Fransen hängen. Alle waren sehr nett, aber ich bin froh, wieder allein zu sein.

 

Binnen zwanzig Minuten liegt mein Boot beladen im Wasser. Es ist schön, wieder loszuziehen.

Ein letzter Abschiedsgruß, und gegen 10.00 Uhr lege ich ab. Aus dem Hafen heraus geht´s wieder auf den Rhein. Der Morgen ist grau, ein ganz unwirkliches Licht, aber das ist mir egal.

 

Von der Mitte der Rheinbrücke winkt mir mein Vater ein letztes Mal zu, dann bin ich wieder mit dem Fluss allein. Ich genieße die letzten 15 Kilometer auf dem Rhein. Es ist viel los, und ich stürze mich direkt hinter den Schiffsschrauben in die schönsten Wellen. Das ist zwar mit dem vollbeladenen Boot unvernünftig, und ich bekomme zur Strafe auch ein bisschen Wasser ins Boot. Aber es macht Spaß - ich fühle mich richtig lebendig!

 

Ich passiere den Grenzort Lobith und die Mündung des Altrhein-Armes, der nach Kleve führt - meine alte Heimat. Kurz bevor ich den Rhein verlasse, fordert mich die holländische Wasserschutzpolizei auf, am Rand des Stromes zu fahren. Ich muss lachen: wenn die wüssten, wo ich herkomme, würden die sich wohl keine Sorgen um mich machen.

 

Der Rhein fließt nun unter dem Namen „Waal“ gerade aus weiter Richtung Nimwegen. Ich biege rechts ab auf den Pannerdenschen Kanal. Trotz des Namens fließt das Wasser hier noch.

Knapp 10 Kilometer später teilt sich der Fluss nochmals: rechts fließt die Ijssel, die ich schon oft gefahren bin. Ich halte mich links, hier heißt der Fluss „Nederrijn“.

 

Um 13.00 Uhr fahre ich an Arnheim vorbei. Bereits hier - 10 Kilometer vor der ersten Schleuse - lässt die Strömung stark nach. Jetzt muss ich langsam anfangen, richtig zu arbeiten.

 

Schiffsverkehr begegnet mir hier kaum noch: einige Yachten, ab und zu ein Passagierdampfer, sehr selten Frachter.

Auf dieser Strecke gibt es kaum Übernachtungs-Möglichkeiten. Ein Campingplatz liegt vor der ersten Schleuse, etwa 10 Kilometer hinter Arnheim. Da will ich noch nicht aussteigen. Der nächste ist allerdings dann gleich 30 Kilometer entfernt.

 

Die Schleuse Doowerth ist riesig - manchmal kommen Hochsee-Schiffe bis hier herauf.

Als ich auf die geöffneten Schleusentore zufahre, werden diese direkt vor meiner Nase geschlossen. Der Schleusenwärter-Turm ist sehr weit entfernt, sodass man mich wohl weder von dort noch durch die installierten Kameras gesehen hat.

 

Bevor ich eine Stunde auf den nächsten Schleusengang warte, beschließe ich, lieber umzutragen. Zum Aussteigen finde ich auch eine schöne Stelle. Ich wuchte mein schweres Boot auf den mitgeführten Bootswagen und trete die etwa 1 Kilometer lange Wanderung zum anderen Ende der Schleuse an. Dort stelle ich leider fest, dass man nicht an Paddler gedacht hat: ich stehe vor einer hohen Kaimauer, an der ich unmöglich einsteigen kann. Also wieder ein Stück zurück; durch einen Stacheldrahtzaun gelange ich auf eine holprige Wiese. Durch den unebenen Untergrund bricht mein Bootswagen zusammen; notdürftig biege ich ihn wieder zurecht und kämpfe mich zum Wasser durch. Schweißüberströmt und zerstochen komme ich schließlich ans Ziel. Hätte ich das geahnt, dann hätte ich wohl doch lieber gewartet - zumal von Zeitersparnis jetzt auch keine Rede mehr sein konnte.

 

Irgendwie hatte ich bei der Tourenplanung verdrängt, was Schleusen bedeuten: stehendes Wasser!

Bis hierher habe ich bereits 40 Kilometer hinter mir. Vor mir liegen an diesem Tag noch 28 Kilometer absolut stehendes Wasser, die sich als große Herausforderung erweisen sollten.

 

Der Fluss, der hier irgendwann den Namen „Lek“ trägt, mäandert zwischen den Deichen. Er ist sehr breit und setzt mich dem Wind aus. Ich paddele wie eine Maschine. Den ganzen Tag verlasse ich nur zweimal das Boot: einmal zum Umtragen an der Schleuse, später lege ich noch ein 5-minütiges Pinkelpäuschen ein. Ansonsten lege ich das Paddel nur aus der Hand, um auf dem Wasser einen Schluck zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen.

 

Die Fahrt ist sehr anstrengend. Die schöne Landschaft und die Einsamkeit lassen jedoch keinen Missmut aufkommen. Mein Körper funktioniert wie ein Uhrwerk, die Übung der letzten Woche hat Muskeln und Hände geschmeidig gemacht. Es gibt für mich keine schönere Art, mich fortzubewegen.

Ab und zu grüßt ein Angler mit einem freundlichen Lächeln. Ich wundere mich, dass mir Schiffsverkehr nur in der Gegenrichtung begegnet, ich aber nicht überholt werde. Warum fahren die alle nur in eine Richtung?

Erst am nächsten Tag finde ich die Erklärung: Auf dem Fluss gilt eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 4,5 bis 6 km/h. Da ich selbst etwa mit diesem Tempo unterwegs bin, kann mich natürlich niemand überholen.

Wieder bin ich froh, alleine unterwegs zu sein. Ich muss lachen bei der Vorstellung, meine Vereinskameraden hier bei mir zu haben. Die meisten würden mich wegen dieser Tagesstrecke lynchen!

 

Nach 10 Stunden erreiche ich meinen Campingplatz 9 Kilometer hinter Rhenen. Ich werde freundlich aufgenommen und von den ausschließlich holländischen Dauer-Campern neugierig beäugt. Wie fast überall gehen den Leuten die Augen über, wenn sie beobachten, was ich alles aus meinem Boot hervorhole.

 

Die Anlage ist außerordentlich gepflegt und sauber; sie liegt bei Eck en Wiel in einer wunderschönen Landschaft. Ich kann nachempfinden, dass man hier gerne Urlaub macht.

Nachdem ich meinen Bootswagen notdürftig repariert habe, baue ich mein Zelt direkt am Wasser auf und genieße die Dusche. Vor meinem Zelt spricht mich eine sehr gepflegte, 80-jährige Dame an. Sie erzählt mir von ihrer Jugend, in der sie auch Wanderfahrten mit dem Kanu gemacht hat. Sie interessiert sich für viele Details meiner Reise, und wir unterhalten uns etwa eine halbe Stunde lang sehr angeregt.

 

Im „Restaurant“ des Campingplatzes stille ich meinen Hunger und setze mich anschließend auf zwei Bierchen zum Wirt an die Bar. Um halb zehn krieche ich müde und zufrieden in meinen Schlafsack. Trotz - oder wegen ? - der Anstrengung war das ein schöner Tag.

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