Conny's Paddel - Solo 2000

1. Tag   

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Im Kajak von Ketsch nach Amsterdam

 

16.07. bis 31.07.2000

Cornelis van Weelden

 

Der Sommer und die Urlaubszeit rücken näher; meine Töchter fahren 4 Wochen zur Kur und meine Frau bekommt keinen Urlaub - Conny allein zu Haus ?

 

Da drängt sich geradezu der Gedanke auf, sich ins Boot zu setzen und wieder einmal eine etwas längere Tour zu veranstalten. Die Vereinskameraden haben sich dieses Jahr die Elbe vorgenommen - eine Strecke, die mich auch sehr interessieren würde. Die Fahrt soll aber nur eine Woche dauern, wofür mir die weite Autofahrt zu aufwendig ist. Außerdem gibt es unterschiedliche Interessen bei der Gestaltung der Tage: während ich gerne etwas mehr paddele, plädieren andere eher für ausgedehntere Landgänge.

 

Nach längerem Schwanken entschließe ich mich, im Urlaub einige Verwandte zu besuchen, die ich länger nicht gesehen habe. Es trifft sich, dass die alle über den Wasserweg erreichbar sind.

 

Leider findet sich keine Begleitung. Der Eine bekommt keinen Urlaub oder möchte diesen nicht für das Paddeln verwenden, dem Anderen ist die Strecke zu weit. Also werde ich allein fahren.

Natürlich wäre es schön, insbesondere an den Abenden Gesellschaft zu haben. Andererseits sehe ich auch die Vorteile: ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen und habe Zeit, den Kopf einmal richtig „auszulüften“.

 

In meinen Jugendjahren war ich viel - auch mit dem Kajak - in Holland unterwegs. Die Ijssel und das Wassergebiet zwischen Zwolle und dem Ijsselmeer kenne ich aus dieser Zeit gut, hier war ich auch vor zwei Jahren noch einmal mit den Vereinskameraden unterwegs. Auch die Waal bin ich früher mehrfach hinabgefahren. Nur den dazwischen verlaufenden Lek kenne ich lediglich bis Arnheim. Also werde ich diesmal diese Gegend erkunden und mich von hier aus nach Amsterdam durchschlagen, wo meine alte Patentante lebt.

 

Aufgrund der vielen kleinen Gewässer in Holland sollte man unbedingt über Wasserkarten dieses Gebietes verfügen. Diese werden vom ANWB (dem holländischen Gegenstück zum deutschen ADAC) herausgegeben. Vor zwei Jahren konnte ich die Karten über ein Spezial-Unternehmen in Heidelberg erhalten. Diesmal jedoch warte ich Woche um Woche, ohne das die bestellten Karten eintreffen. Als der Starttermin immer näher rückt, versuche ich es über das Internet direkt beim ANWB. Dort werde ich zwar schnell fündig, aber (das sind also die modernen Zeiten) leider liefert der ANWB nicht ins Ausland. Also schicke ich schnell meinen Cousin in Amsterdam los, der mir die Karten besorgt und per Post zuschickt.

 

Nun endlich kann ich die genaue Route erkunden. Ich lege lediglich die Strecke fest, plane aber die einzelnen Tagesetappen nicht fest ein. Schließlich soll es ein Urlaub und kein Kraftakt werden. Ich erinnere mich noch an die Fahrt vor zwei Jahren, wo die eigentlich machbaren Tagesetappen durch niedrigen Wasserstand und Gegenwind doch recht anstrengend wurden.

 

Dass ich älter und gemütlicher werde, kann ich an den Reisevorbereitungen feststellen. Lange schwanke ich zwischen dem etwas größeren und komfortableren Zelt und meinem Ein-Mann-Zelt. Das Wetter gibt schließlich den Ausschlag: da die derzeit herrschende Regenzeit noch einige Zeit anzudauern scheint, kommt die „Hundehütte“ zum Einsatz, weil sie einfach schneller auf- und abzubauen ist.

Zu meinem Angler-Hocker habe ich mir noch ein kleines Tischchen gebaut, das im Boot verstaut werden kann. Und zur weiteren Steigerung des Komforts habe ich mir einen Thermo-Behälter gekauft, der neben echter Butter auch Wurst, Marmelade und Käse kühl hält. Eine gute Investition, wie sich später herausstellt. Auch nach einer Woche ist die Butter immer noch streichzart. Dieses entscheidende Quentchen Zusatz-Komfort gibt dem spartanischen Camper-Dasein doch einen Hauch von Luxus. Solchermaßen gut vorbereitet warte ich sehnsüchtig auf den Start-Tag.

 

 

1. Tag:   16.07.2000

Ketsch - Guntersblum                         68 km

 

Meine Frau bringt mich zum Bootshaus. Das Gepäck habe ich bereits am Vortag verladen, deshalb kann es bald losgehen. Es ist bewölkt, aber ich komme zumindest trocken ins Boot. Nach kurzem Abschied steche ich um 9.45 Uhr zwar nicht in See, aber immerhin in den Altrhein.

Nach wenigen Paddelschlägen und einem letzten Gruß bin ich allein. Ich genieße die Ruhe auf dem Wasser. Es stellt sich dieses schöne Gefühl ein, das mich immer am Anfang einer längeren Tour gefangen nimmt: Der Alltag fällt von mir ab, ich habe Zeit - über 2 Wochen ohne irgendwelche Zwänge liegen vor mir; eine große Ruhe und Gelassenheit ergreift von 
Der Altrhein zwischen Ketsch und Kollerinsel   mir Besitz, für eine Weile wird alles 

unwichtig, was ich hinter mir zurücklasse. Ich fühle, wie das Boot durch meine eigene Kraft vorangetrieben wird, spüre der Arbeit jedes einzelnen Muskels in meinem Körper nach. Mit allen Sinnen sauge ich die Umgebung in mich auf. Der Geruch des Wassers und des feuchten Waldes; der Gesang der Vögel; der Reiher, der mich misstrauisch von seinem Platz auf dem Ast eines ins Wasser gestürzten Baumes beobachtet; die Fische, die hier und da an der Wasseroberfläche tanzen.

 

Ja, dies ist genau das, was ich unter Urlaub verstehe. Ich schüttele mich kurz bei dem Gedanken, jetzt gerade in den Flieger zu steigen, um in irgendeinem Hotel mit lauter Menschen vergeblich nach Erholung zu suchen.

 

Bei der Einfahrt in den Rhein grüßt mich ein Paddler vom Kanu-Club Brühl, der gerade sein Boot für eine Sonntag-Morgen-Tour zu Wasser lässt. Ich freue mich, dass ich nicht wie er nach wenigen Stunden wieder zurück sein muss.

 

Mein Boot liegt tief im Wasser, das viele Gepäck macht sich natürlich bemerkbar. Der Rhein führt Hochwasser, das Wasser ist schmutzig braun. Es schwimmt sehr viel Treibholz umher, immer wieder muss ich größeren Ästen und abgebrochenen Baumstämmen ausweichen.

 

Manchmal lugt die Sonne durch die Wolkendecke, der Wind frischt immer wieder einmal auf. Ich passiere Altrip und das Mannheimer Strandbad. Auch die hier sonst in Massen auftretenden Spaziergänger und Radfahrer scheinen sich durch das unsichere Wetter abschrecken zu lassen - ich habe nichts dagegen.

 

Bild 3 1

Die „Schachtel“ vor der BASF in Ludwigshafen

 

Oberhalb der Bergstrecke gibt es im Vergleich zum Mittel- und Niederrhein immer wenig Schiffsverkehr. Heute, am Sonntag, fahren wie an jedem Wochenende noch weniger Schiffe.

Ich hatte mich auf ein bisschen action in der „Schachtel“ gefreut. Auf dieser etwa 5 Kilometer langen Strecke erstreckt sich links das ausgedehnte Werksgelände der BASF in Ludwigshafen, rechts die Lagerhäuser des Mannheimer Hafens. Durch die hohen Kaimauern an beiden Seiten werden die Wellen vorüberfahrender Schiffe immer wieder in den Strom zurückgeworfen, sodass hier durchaus lustige Situationen entstehen können. Leider begegnet mir hier außer ein bisschen Wind nur ein Boot der Wasserschutzpolizei, sodass es nicht sehr spannend wird.

 

Ich passiere die Autobahnbrücke bei Frankenthal. Hier setzt ein starker Gegenwind ein, und immer wieder werde ich von kräftigen Regenschauern erfrischt. Da ich in meinem Boot gut eingepackt bin, macht mir das wenig aus. Allerdings muss ich nach jedem Schauer schnell die Regenkleidung wieder ausziehen, da ich aufgrund der schwülen Temperaturen sonst sofort ins Schwitzen gerate.

 

In Worms esse ich im Vereinsheim der „Naturfreunde“ eine Kleinigkeit zu Mittag. Hier bin ich früher oft vorbeigefahren, und jetzt weiß ich auch, dass ich das künftig weiterhin tun werde. Kulinarische Genüsse kann man hier nicht erleben.

 

Nach etwa einer Stunde mache ich mich wieder auf den Weg. Eigentlich wollte ich im Bootshaus des Kanuclubs Gernsheim übernachten. Telefonisch hatte ich jedoch 2 Wochen zuvor erfahren, dass hier derzeit umgebaut wird. Also habe ich mich im Bootshaus in Guntersblum angekündigt, das ich schon von früheren Übernachtungen kenne.

 

Gegen 16.00 Uhr treffe ich dort ein. Nach dem Paddler in Brühl sehe ich hier die einzigen Wassersportler des Tages. Wie immer werde ich freundlich aufgenommen. Von einer öffentlichen Veranstaltung sind noch Kaffee und Kuchen übriggeblieben, an denen ich mich gütlich tue, bevor ich unter die Dusche gehe.

 

Auf der Wiese des Kanuclubs übernachten noch zwei ältere Paare, die in kleineren Tagesetappen auch ein Stück des Rheines abwärts fahren und jeden Tag ihre Fahrzeuge umstellen. Ich übernachte wieder im Bootshaus selbst; dadurch muss ich auf jeden Fall am nächsten Morgen kein nasses Zelt einpacken und spare auch die Zeit für Auf- und Abbau.

 

Bei früheren Touren zogen sich die 68 km bis Guntersblum recht zäh dahin. Umso erstaunter bin ich, dass ich heute schon so früh eintreffe. Ich bin zwar zügig gepaddelt, aber ich bin kein Rennen gefahren. Beim Nachrechnen komme ich - die Pause in Worms abgezogen - auf eine Geschwindigkeit von 11,8 Kilometern pro Stunde. Normalerweise liegt meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem Rhein bei etwa 10 km/h. Dieser Wert liegt jedoch zwischen Worms und dem Beginn der Bergstrecke bei Bingen normalerweise niedriger, da hier die Strömung geringer ist. Die Steigerung gegenüber den sonst üblichen 10 km/h ist auf das Hochwasser zurückzuführen, das für eine stärkere Strömung sorgt.

 

Ich esse in der Gaststätte an der Fähre gut zu Abend und krieche gegen 22.00 Uhr zufrieden in meinen Schlafsack.

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